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COLLAGEN UND BILD-MONTAGEN IN SCHWARZ-WEISS (Dr. Peter Funken, Oktober 2017)

COLLAGEN UND BILD-MONTAGEN IN SCHWARZ-WEISS  (Dr. Peter Funken, Berlin, Oktober 2017)


 

Er zeigt uns die Welt in schwarz und weiß, es ist eine fremde, zugleich vertraute Wirklichkeit, so bedrohlich wie faszinierend; das, was uns in John Maibohms Collagen begegnet, ist jedoch noch mehr, denn er zeigt Städte und Architekturen, die es womöglich so bereits gibt oder die es in ähnlicher Form in naher Zukunft geben wird. Demnach haben wir es zu tun mit der Vorwegnahme einer Welt von morgen, es ist eine Spekulation auf der Basis der Realität von heute.

 

Ausschnitte und Aspekte der von Maibohm gezeigten Stadtveduten (um solche nämlich handelt es sich!) gibt es bereits, wenn auch nicht unbedingt in Europa, so doch in Asien, Amerika und Afrika. Es sind Orte an denen Menschen schon heute ganz alltäglich leben oder leben müssen: gigantische Mega- und Meta-Cities, Ballungsräume mit mehr als 10 Millionen Bewohnern … Mexiko-City, Karatschi oder Kuala Lumpur aber auch New York, Moskau und Tokyo gehören dazu. Heute ist bereits Realität, dass der größere Teil der Menschheit Städte bewohnt – Tendenz steigend.

 

Dieser Tatsache folgend, entwirft Maibohm in seiner Kunst ein visionär dystopisches Bild. Es entstehen wie aus der Flugzeugkanzel gesehene Überblicke und Prospekte von Stadtlandschaften und ihren Details, zugleich präzise, überzeichnet und auf sachliche Weise dramatisch. John Maibohms Collagen und Bildmontagen ist etwas bedrohlich Monotones eigen; dies liegt an der Wiederholung meist identischer Baukörper, wie an dem lichtlosen Grau an ihrem Himmel. Der Blick auf die Städte ist dabei fast immer einer aus großer Höhe; dadurch wird das Serielle als gleichsam endlose Wiederholung der Grundstruktur drastisch vor Augen geführt.

 

Die mit „Fraktalstädte“, „Stadtstufen“ oder „Citymorph Gewölbe“ benannten Collagen wirken nicht wie unübersehbare Slums und Flüchtlingsstädte der Gegenwart, sondern wie am Reißbrett geplante Seriensiedlungen für eine entindividualisierte Einwohnerschaft. Nicht umsonst heißen solche von Maibohm montierten Massensiedlungen, die en Detail durchaus an Planungen von Le Corbusier und anderer Architekten der Moderne erinnern, dann auch „Grabstadt“ oder „In der Zone“. Damit gemahnen sie sowohl an das ägyptische Memphis wie an den Sience-Fiction-Roman „Die Schnecke am Hang“ der Brüder Strugazki.

 

Zwar erscheint Maibohms Bildwelt bereits heute real, denkt man an gigantische Suburbs, und doch ist seine Kunst keineswegs rein dokumentarisch, sondern besitzt in ihrer Phantastik Eigenschaften des Manierismus. Auch damit kann man Kritik formulieren: Bei Maibohm in Form konkreter Überzeichnung, denn mit den Labyrinthen seiner gigantischen Städte konterkariert er gradezu sarkastisch Formen der Entartung bei der Stadtplanung, wenn sie ausschließlich ökonomisch und rational funktioniert; indem solche Planung menschliche Grundbedürfnisse ignoriert, fallen ihr dann zu allererst Poesie, Vielfalt und Vitalität zum Opfer.

 

Bei der Entstehung von Kunstwerken geht es immer auch um konkrete Form- und Gestaltungsfragen, um Themen von Inszenierung, Wirkung und Bedeutung: John Maibohms Collagen entstehen in einem Mixed-Media-Verfahren – mit herkömmlichen Mitteln, etwa Zeichentechniken, mit denen er die von ihm ausgewählten Fotovorlagen überarbeitet und künstlerisch manipuliert; dann aber auch mit Schere, Rechner und Plotter, mit denen der Künstler Bildausschnitt, Blickführung und Perspektive festgelegt.

 

Der Künstler weiß was er tut. Als ausgebildeter Architekt kennt er die technisch-ästhetischen wie auch die soziologischen Parameter heutiger Bau- und Siedlungsformen. Daß Gegenwart mittlerweile dabei ist, in bislang nur zu träumende, jetzt aber tatsächlich zu realisierende Wirklichkeit umzuschlagen, ist ihm nicht entgangen. Für diesen bestürzenden Umstand, der ja bedeutet, dass wir vor einer großen Ungewissheit stehen, liefert John Maibohm mit seinen Collagen eine eigene, zeitgemäße Form der Übersetzung.

 

 

(Dr. Peter Funken, Oktober 2017)