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JOHN MAIBOHMS DINGREDEN (Gerhard Rohne, Textauszug der Eröffnungsrede zur Ausstellung in der CultD Galerie Berlin, Mai 2015)

JOHN MAIBOHMS DINGREDEN

(Gerhard Rohne, Textauszug der Eröffnungsrede zur Ausstellung in der CultD Galerie Berlin, Mai 2015)


 

Wer durch Berlin geht, erblickt in dieser Weltstadt viel Gebautes – aber auch viel Gestürztes, viel Gestaltetes, aber auch ungestalt. Die Wiederholung von Altbauwohnungen und Neubausiedlungen in endloser Abfolge. Straßen, die den Blick in eine Richtung ziehen, Kreuzungen, an denen man sich entscheiden soll, die ewigen Ampeln und Straßenmöbel unten – Kirch- und Funktürme oben. Dynamik? Wer schaut noch hin auf die weggebrochenen Eckhäuser, wer erlebt noch Schauder beim Daueranblick der Brandmauern? 1000 Bombennächte haben ihren Terror ins Stadtbild auch des 21. Jahrhunderts geschoben und sind uns Beiwohner jedes Stadttags – Schläfer jeder Stadtnacht.

 

Wir sehen sie nicht mehr. Der Flaneur beharrt auf seiner Selektion von Berlin im Licht, Ku`damm. Kino, Reklame. Efeu romantisiert in Kreuzberger Hinterhöfen und überall lümmelt beunruhigend der endlos ruhende Verkehr. Blech und architektonische Banalität reiht diese Stadt ins allgemeine Baugeschehen der Ersten, Zweiten und Dritten Welt. Massenhafte Anhäufung und Anreihung machen dann die Weltstadt.

 

Als ich John Maibohms Arbeiten zum ersten Mal sah, war ich bestürzt, darin eine mir völlig neue Kunstform kennenzulernen.

 

Wenn schon das in Berlin Gebaute schier unübersehbar im Dreidimensionalen vorhanden ist – das Geplante, aber Nichtgebaute, das Phantasierte, das in Architekturzeichnungen Belegte, das im Computer Errechnete ist eine breite Schiene des Ausstellungsbetriebs, der Architekturgeschichte geworden – scheint das Material im Zweidimensionalen schier grenzenlos.

 

Im virtuellen Erfahrungsraum von Architektur tummeln sich Turmbauten, hängende Gärten, Carceri, Finsterlins organische Architektur und Zahas Feuerwehrstationen im Endlosen. Phantasie scheint der Ort des Erlebens.

 

Wie ist es um unsere Alltagserfahrung mit Stadt bestellt? Der Reporter, der uns fragt „was Fühlen Sie?“, wenn er uns auf der Blissestraße einholt, erhält nur fragendes Schulterzucken. Unser Schönheitssinn ist nicht gefragt. Sinn für Proportion lahmgelegt. Symmetrien, Höhepunkte, Stadtkronen auf der Otto-Suhr-Allee? Ergebnisse von Dichte, Streckungen, Überfülle und Kahlheit vielleicht ums Kanzleramt? Verkehr und Verbote, die gehäuften Informationen der Tafeln, Schilder, Ampeln gegen die Nacktheit der Brandmauern, aufgehoben ins Indifferente. Wir brauchen, um unsere Städte ertragen zu können, diese ästhetische Amnesie.

 

Wer diesen Erlebnisverlust beklagt, wende sich den Arbeiten Maibohms zu und hole im Zweidimensionalen nach, was die wirkliche Stadtwelt uns versagen muß. Er lerne ein phänomenologisches Alphabet zu buchstabieren: Mit bloßem Auge und erst recht mit der Lupe unterscheiden wir: Altes – Neues, Nahes – Fernes, Fülle – Leere, Überladenes – Karges, Proportioniertes – Gestaltloses, Schweres – Leichtes, Belastetes – Entlastetes.

 

Dann folgt ein Kurs in Konstellationen, in denen das Auge von seiner Neugier oder Furcht geleitet auf Bedrohliches stößt, auf Schiebendes, dann Fallendes, dann Abstürzendes. Dann wieder auf Entlastendes, Schwebendes, Fliegendes. Wieviel Dynamis geht auf die Fläche – wie viel Last trägt das Papier?

 

So unterzieht der Betrachter sich einem Test des Wahrnehmens, des Reagierens, des Fühlens, des seismologischen Ahnens von Geschehnissen. Das Vorhandensein tektonischer Verhältnisse erfordert zu genauerem Sehen eine Semantik. Immer vielfältiger und widerstrebender werdende Gestaltungen verlangen eine Sprache. Viele Zungen verderben den Turm (von Babel). Eine Rede der einzelnen Teile unseres Bauens, Hinstellens und Aufrichtens soll wieder hörbar werden. Ein im romantischen Musikmeer analogen Sentiments ertrunkener Kontinent größter aber anders gestalteter Musik ist uns seit einigen Jahrzehnten im Konzept der „Klangrede“ Nikolaus Harnoncourts wieder aufgetaucht. Um unsere Wahrnehmung von baulicher, städtischer und kommunaler Wirklichkeit wieder einzuhebeln ist Entfaltung und ein Verständnis von „Dingrede“ fällig.

 

Die Arbeiten John Maibohms erspielen schon eine solche Verlebendigung unserer Wahrnehmung. Wir erleben die Angst vorm Fliegen, die Furcht des Fallens. Sein Planen geht auf affektive Herausforderungen des Betrachters anhand konkretester Bauteile. Die ambivalenten Erfahrungen von Flug und Last, Bedrohung und Erleichterung, von Ruine und Auferstehung lenkt er in konspirativem Einverständnis des Architekten“ mit dem „Betrachter“. Furcht und Hoffnung (weniger Mitleid) sind aus tektonischen Objekten zur Formensprache entwickelt. Die Belastung der papiernen Oberfläche bis zum Gehnichtmehr ist Herausforderung an den Gestalter wie an den Beschauer. Räumliche und tektonische Überbietungsformen fordern das Staunen heraus, aber auch seine Beherrschung. Wir im Schleudersitz vor dem Rechner oder dem Zeichenpapier besiegen Vertigo und Katastrophenangst: Die schweren Sachen sollen und werden fallen – der Architektoniker baut und montiert wieder neu!

 

Babel liegt gleich nebenan in Berlin. Während der Ausstellung der Arbeiten Maibohms im Mai in Berlin erwarteten wir das Stürzen der Säulen von Palmyra. Während es Wirklichkeit wurde erhielten die Arbeiten Maibohms unheimliche Stringenz. Sein Konzept des erlebten Gebauten enthält Zeigefinger aufs Geschehen, wie auf die Geschichte: unsere Gestaltungskraft wird erneut von der tabula rasa, auf dem Schirm, auf dem Zeichenpapier abheben – und aufstellen. Die Dinge werden reden!

 

 

(Gerhard Rohne, Textauszug der Eröffnungsrede zur Ausstellung in der CultD Galerie Berlin, Mai 2015)